Foto Tag des Flüchtlings

Folgender Artikel wurde uns von Frau Wellkamp zur Verfügung gestellt:

Starthilfe in ein neues Leben

Heute ist Tag des Flüchtlings / Bocholter aus dem Iran und Syrien berichten über ihr Engagement für Geflohene

Von Renate Rüger
Bocholt. Jamileh Belarak (57) ist eine Helferin der ersten Stunde: Als 2015die ersten Flüchtlinge in die Norbertschule gebracht wurden, stand die Bocholterin parat. Um eine Iranerinmit zwei kleinen Kindern kümmertesie sich intensiv. Dafür war Belarakprädestiniert – weil sie Persisch spricht. Vor 17 Jahren war die 57-Jährige, die schon lange die deutscheStaatsangehörigkeit besitzt, ihremMann aus dem Iran nach Deutschland gefolgt. Jetzt hilft sie Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und Afghanistan, aber auch einer 52-jährigen Deutschen, die behindert ist.
Dabei leidet Belarak seit 2003, als sie einen schweren Unfall hatte, selbst unter einer Behinderung. Das Kurzzeitgedächtnis lasse sie öfters im Stich und außerdem sei sie leicht-depressiv, berichtet sie. Ein Betreuer habe ihr bei einer Eingliederungsmaßnahme vorgeschlagen, sich bei der Freiwilligen-Agentur zu melden. Und das war anscheinend genau der richtige Schritt. „Ich wollte nicht zu Hause sitzen und traurig sein“, sagt Belarak.
Im Iran sei sie früher auch immer aktiv gewesen. 15 Stunden habe sie täglich als Schneiderin gearbeitet. Mit ihrer Schwester habe sie eine eigene Firma für Abendkleider mit 15 Mitarbeiterinnen geleitet. Und dann sei sie auch noch politisch aktiv gewesen, berichtet Belarak. Inzwischen ist auch ihr Flüchtlingseinsatz in Bocholt zu einem Fulltime-Job geworden. „Wenn jemand Hilfe braucht, kann ich nicht nein sagen“, sagt Belarak. Selbst nachts sei sie schon aus dem Bett geholt worden – um Frauen bei der Geburt beizustehen und im Krankenhaus zu übersetzen.
Im ehemaligen Hotel Kupferkanne hilft sie einem minderjährigen Afghanen zwei bis dreimal die Woche bei den Hausarbeiten. Dort arbeitet sie auch schon über ein Jahr lang als Flüchtlingshelferin für den Verein Jusina auf 450-Euro-Basis. Hinzu kämen etliche Anrufe von der Ewibo, der Caritas, dem Jugendamt und auch von den Flüchtlingen selbst. Da helfe sie immer auf ehrenamtlicher Basis, berichtet Belarak, die auch zwei Geschwister hat, die bei der Ewibo fest alsFlüchtlingshelfer angestellt sind.
Die Telefonnummern von Helfern werden schnell weitergereicht: Das hat auch der syrische Kurde Aras Enez erlebt, ein 23-jähriger Student, der im September 2015 über die Ukraine zu seinem Onkel nach Bocholt kam. Der habe ihm geraten,sich beim Verein L-I-A zu melden –zur Unterstützung des Deutschunterrichts für Flüchtlinge im Heim am Königsesch. Das habe er getan und gleichzeitig von Oktober 2015 bis Juni 2016 intensiv Deutsch am Dingdener Klausenhof gelernt, berichtet Enez.
Im Treff 23 des Arbeitskreises Asyl habe er ebenfalls Deutsche unterstützt, die den Flüchtlingen Deutsch beibrachten. Dass er in seiner Heimatstadt  Qamischli mit Kurdisch und Arabisch aufgewachsen sei und auch Russisch könne, habe geholfen. Mitarbeitern der Ewibo und anderen Interessierten habe er zudem versucht, Arabisch beizubringen. Es folgte ein Praktikum bei der Ewibo in der Flüchtlingsunterkunft an der Kreuzstraße.
„Ich wollte, dass die Flüchtlinge keine Schwierigkeiten haben“, sagt Enez. Deshalb habe er geholfen. „Außerdem wollte ich selbst Deutsch lernen und Leute kennenlernen. Und es hat Spaß gemacht.“ Integration durchs Ehrenamt lautet hier das Motto. Nach bestandenem Test an der FH und einer einjährigen Vorbereitungszeit fängt Enez jetzt im Oktober sein Studium Wirtschaftsingenieurwesen in Bocholt an. Glücklich ist er, dass vor einigen Tagen auch seine Mutter und Schwester nach Bocholt ziehen durften. Zwei Jahre hätten sie nach ihrem Antrag in der deutschen Botschaft auf die Ausreise warten müssen.

Freiwillige für die Flüchtlingsarbeit gesucht

Zum heutigen Tag des Flüchtlings veranstaltet der Verein „Leben im Alter“ (L-I-A) gemeinsam mit der Ewibo und der Freiwilligen-Agentur von 10 bis
13 Uhr einen Workshop im Berufskolleg am Wasserturm. Ziel dabei ist es vor allem, weitere freiwillige Helfer zu finden und Interessierte zu informieren. Agnes Wellkamp von Lia stellt Leader-Projekte vor und der Integrationsbeauftragte Jochen Methling spricht über den „Tag des Flüchtlings“. Vier Bocholter, die einmal selbst aus Krisen- oder Kriegsländern hierher ausgewandert oder geflohen sind und nun Flüchtlingen helfen, berichten von ihren Erfahrungen. Dazu zählen auch Jamileh Belarak und Aras Enez. Außerdem geht es um unterschiedliche Engagement-Kulturen und -Formen aus aller Welt.
Interessierte können auch ohne Anmeldung noch kurzfristig hinzukommen oder sich bei Agnes Wellkamp melden unter Z02871/21765655.

Bocholter-Borkener Volksblatt – 29.09.17 – Starthilfe in ein neues Leben.._

Auf dem Vorschaubild (oben) sind Jamileh Belarak (57) und Aras Enez (23) zu sehen. Foto: Sven Betz

 

29.09.2017: Heute ist „Tag des Flüchtlings“!